Das Fest der Herbsttagundnachtgleiche 

Mabon

Halte inne. Die Waage steht still.

Du kennst vielleicht das Gefühl: Der Sommer war lang, voll, fordernd. Und plötzlich liegt der erste kühle Morgen vor dir. Die Natur hält inne – und lädt dich ein, es ihr gleichzutun.

Mabon ist das zweite Erntefest im keltischen Jahreskreis. Es fällt auf die Herbsttagundnachtgleiche – den einen Moment im Jahr, an dem Licht und Dunkelheit exakt gleich lang sind. In diesem Artikel erfährst du, woher das Fest stammt, welche Mythen und Gottheiten es begleiten und was Symbole wie der Apfel, der Hirsch und die weise Alte über diese Jahreszeit erzählen.

Lesezeit: ca. 10 Minuten

Inhaltsverzeichnis

Herbstlicher Wald mit warmem Licht zwischen den Ästen – Stimmungsbild zu Mabon

Was ist Mabon? – Bedeutung und Einordnung

Mabon – auch Alban Elved genannt – ist das zweite der drei Erntefeste im keltischen Jahreskreis. Es fällt auf die Herbsttagundnachtgleiche, die astronomisch zwischen dem 21. und 23. September liegt.

Was diesen Zeitpunkt besonders macht: Licht und Dunkelheit halten sich für einen kurzen Moment exakt die Waage. Tag und Nacht sind gleich lang. Es ist der eine Augenblick im Jahr, in dem die Waage der Zeit vollkommen ausbalanciert ist – bevor die Dunkelheit beginnt, das Übergewicht zu bekommen.

Energetisch steht Mabon für Dankbarkeit, Bilanz und das bewusste Innehalten nach einer langen Erntephase. Die Felder sind abgeerntet, die Vorräte angelegt. Es ist die Zeit, in der man sich umdreht und schaut, was das Jahr gebracht hat – bevor man in die Stille des Winters geht.

Äpfel am Baum im Herbst – zentrales Symbol des Jahreskreisfestes Mabon

Der Name Mabon und seine Herkunft – Walisische Mythologie und moderne Konvention

Der Name Mabon stammt aus der walisischen Mythologie. Mabon ap Modron bedeutet wörtlich „Großer Sohn der Mutter“ – wobei Modron die personifizierte Mutter Erde ist.

Wichtig zu wissen: Die direkte Benennung der Herbsttagundnachtgleiche als „Mabon“ ist keine uralte Tradition, sondern eine moderne neopagane Konvention, die sich im 20. Jahrhundert im Rahmen der Wicca-Bewegung entwickelt hat. In der druidischen Tradition wird dasselbe Fest als Alban Elved bezeichnet.

Das macht die Feier nicht weniger bedeutsam. Aber es lohnt sich, ehrlich damit umzugehen – wie mit allen Festen im Jahreskreis, deren Quellenlage oft dünner ist als die moderne Spiritualitätsliteratur vermuten lässt.

Historisch oder modern? – Was wirklich überliefert ist

Was sich belegen lässt

Archaische Völker – Kelten wie Germanen – besaßen ein präzises astronomisches Wissen. Sie errichteten Steinkreise, an denen die Tagundnachtgleichen exakt ablesbar waren. Die Herbsttagundnachtgleiche war kein beliebiges Datum, sondern ein astronomisch markierter Wendepunkt.

Historisch greifbar wird die Zeit vor allem durch den Michaelistag (29. September): Bei den Germanen war dies ein Thingtag – ein Gerichts- und Versammlungstag – verbunden mit einem Opferfest für Wotan. Im Jahr 493 n. Chr. erklärte Papst Gelasius diesen Termin zum Ehrentag des Erzengels Michael, um das heidnische Fest zu christianisieren. Ein klassisches Muster: Das Alte wird nicht ausgelöscht, sondern umgedeutet.

Praktisch war dieser Zeitraum tief im bäuerlichen Arbeitsjahr verankert: der Almabtrieb, das Vieh kehrte von den Bergweiden zurück in die Ställe. Pachtverträge wurden erneuert, Dienstboten erhielten ihren Lohn. Mit dem Ende des Lichts begann die Winterarbeit in den Stuben – das Spinnen bei Kerzenschein.

Was modern ist

Das System des achtspeichigen Jahresrades mit acht festen Festen ist eine Konstruktion des 20. Jahrhunderts, geprägt durch Gerald Gardners Wicca-Bewegung ab 1958. Die spezifische Benennung als „Mabon„, die Symbolik der schwarzen Göttin, das Ritual des Erntedank-Mandalas – das sind moderne spirituelle Impulse, keine rekonstruierten Überlieferungen.

Beides hat seinen Wert. Es hilft nur, den Unterschied zu kennen.

Alter Steinkreis in herbstlicher Landschaft – astronomisches Wissen der Kelten zur Herbsttagundnachtgleiche

Gottheiten und Mythen – Die Geschichten hinter dem Fest

Mabon ap Modron – Der Große Sohn

Der mythologische Mabon ist der „Sohn-Geliebte“ der Göttin – ein Heros, der zur Zeit der Herbsttagundnachtgleiche in die Anderswelt hinabsteigt. Dort hütet er die Samen und Seelen bis zu seiner Wiedergeburt in der Wintersonnenwende.

Es ist das Bild des Loslassens: Nicht als Verlust, sondern als bewusster Rückzug. Das, was gegeben wurde, sinkt zurück in die Erde, damit im Frühling Neues aufgehen kann.

Die Wandlung zur Weisen Alten – Von der Mutter zur schwarzen Göttin

In der modernen Jahreskreis-Spiritualität vollzieht sich zu Mabon die Wandlung der Göttin: von der roten Muttergöttin des Sommers zur schwarzen, weisen Alten des Winters. Sie wird oft mit der Sichel dargestellt, die den Rückzug der Lebenskräfte einleitet.

Als dunkle Göttin der Transformation begegnet sie uns in verschiedenen Gestalten: der keltischen Cailleach, der germanischen Hel, aber auch als Frau Holle oder Percht – die Schicksalsspinnerin, die nun ihre feinen Fäden über die herbstlichen Hecken spinnt und die ungeborenen Seelen tief in der Erde hütet.

Demeter, Persephone und Pomona – Die antiken Parallelen

Das Thema des Abstiegs und der Ernte findet sich in vielen Kulturen. Die griechische Demeter und die römische Ceres wachen als Korngöttinnen über die reife Ernte. Ihre Töchter – Persephone und Proserpina – steigen in die Unterwelt hinab: Ihr Aufenthalt dort markiert die unfruchtbare, dunkle Jahreszeit.

Die römische Pomona, Göttin der Baumfrüchte, ist eng mit dem Apfel verbunden – dem zentralen Symbol dieser Zeit. Und der Apfel führt direkt zu einem der schönsten keltischen Bilder: Avalon, das Jenseits, bedeutet „Apfelland“ – ein Ort der Heilung und Unsterblichkeit jenseits der sichtbaren Welt.

Erzengel Michael und Wotan – Das Erbe der Christianisierung

Erzengel Michael, oft mit Schwert und Seelenwaage dargestellt, übernahm zur Zeit der Christianisierung die Rolle des keltischen Lichtgottes Lugh. Er verkörpert das Prinzip des Ausgleichs – passend für einen Zeitpunkt, an dem Licht und Schatten gleichauf stehen – und den wachsamen Übergang in die dunkle Jahreshälfte.

In der germanischen Überlieferung steht hinter demselben Datum das Opferfest für Wotan: ein Thingtag, an dem Recht gesprochen, Schulden beglichen und das Jahr bilanziert wurde.

Dieselbe Energie, unterschiedliche Namen.

Getreidegarbe auf Holztisch – Erntedank-Symbol zu Mabon im keltischen Jahreskreis

Zwischenstopp

Mabon ist das Fest der Bilanz.
Nicht der Leistungsschau – sondern der ehrlichen Bestandsaufnahme.
Was ist in diesem Jahr gewachsen? Was wurde geerntet, was blieb im Boden?
Manchmal ist das Schwierigste nicht der Rückzug, sondern das ruhige Hinschauen, bevor man loslässt.

Symbole, Pflanzen und Tiere – Was diese Zeit begleitet

Symbole des Gleichgewichts

Der Apfel steht im Mittelpunkt – als Frucht der Lebensernte, als Tor zu Avalon, als Symbol für die Vollkommenheit eines abgeschlossenen Jahreskreises. Die Waage (Attribut Michaels und der ägyptischen Maat) verkörpert den Ausgleich zwischen Licht und Schatten. Das Füllhorn repräsentiert die Fülle der vollständig eingebrachten Ernte.

Die Rune Gebo (X) steht für Geschenk und den harmonischen Ausgleich von Geben und Nehmen – ein Thema, das zum Erntedankfest passt wie kaum ein anderes.

Pflanzen

Der Apfelbaum gilt als einer der heiligsten Bäume und symbolisiert die Verbindung von Geist und Materie. Der schwarze Holunder zeigt in seinen dunklen Herbstfrüchten den Aspekt der weisen Alten – Frau Holle in ihrer winterlichen Gestalt. Getreidegarben werden als „letzte Garbe“ zur Ehrung des Vegetationsgeistes verwendet. Wein und Trauben stehen für die Wandlung der Sonnenkraft in Lebensfreude. Efeu, immergrün und ausdauernd, symbolisiert das Leben, das über den winterlichen Rückzug hinaus Bestand hat.

Tiere

Der Hirsch ist der Bote zwischen den Welten. Er wirft sein Geweih ab – die Sonnenkraft verlässt ihn, bis sie im Frühling neu austreibt. Die Gans ist mit Frau Holle verbunden und symbolisiert den Aufbruch ins Unsichtbare. Zugvögel – besonders Schwalben – machen den Einzug des Herbstes sichtbar: ihr Abzug ist unwiderruflich.

Farben und Elemente

Das Element Wasser ist dem Herbst zugeordnet – es steht für Emotionen, Reinigung und das Loslassen. Die Farben dieser Zeit sind Violett (Transformation, geistiger Ausgleich), Rot (Lebenskraft, Herbstlaub) und Goldgelb (reifes Korn, letzte Sonnenintensität).

Herbstliches Naturarrangement mit Äpfeln und Holunderzweigen – Symbole der Herbsttagundnachtgleiche

Mabon im Jahreskreis – Zwischen Lughnasadh und Samhain

Mabon ist das zweite von drei Erntefesten – nach Lughnasadh (1. August) und vor Samhain (31. Oktober).

Der Unterschied ist klar: Bei Lughnasadh geht es um den Schnitt – die aktive Entscheidung, das Reife zu ernten, bevor es verdirbt. Es ist das Fest des Beginns der Ernte, mit der Energie des Handelns.

Bei Mabon ist die Ernte abgeschlossen. Jetzt kommt das Innehalten. Die Dankbarkeit. Die Bilanz. Die Natur wechselt von der produktiven Phase (Yang) zur Phase des Rückzugs und der Speicherung (Yin). Das Gleichgewicht von Tag und Nacht ist kein statischer Zustand – es ist ein dynamischer Wendepunkt, ein letztes Aufatmen, bevor die Dunkelheit zunimmt.

Was nach Mabon kommt, ist Samhain: das Fest der Ahnen, die Zeit, in der die Schleier zwischen den Welten dünn werden. Alles Leben zieht sich in die Erde zurück. Die weise Alte übernimmt vollständig.

Mabon ist der Übergang zwischen diesen beiden Welten. Noch Licht – aber schon Abend.

Entdecke im zweiten Teil alltagstaugliche Bräuche, Rituale und Rezepte 

Weite Herbstlandschaft im Abendlicht – Übergang zu Samhain im keltischen Jahreskreis

Das Licht zieht sich zurück. Nicht mit Eile, nicht mit Drama. Es nimmt sich einfach mehr Zeit, um morgens zu kommen. Und es geht früher. Vielleicht ist das die eigentliche Einladung von Mabon: nicht festzuhalten, was geht – sondern hineinzuspüren, was bleibt.

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